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Gewalt gegen Zwangsarbeiter:innen in Köln

Der Ort

Ein Lager im Wald

Foto: Dörthe Boxberg
Foto: Dörthe Boxberg

Die Geschichte des Krankenlagers im Gremberger Wäldchen und der dort begangenen Verbrechen ist der Öffentlichkeit heute nahezu unbekannt. Abgeschieden und versteckt in einem dicht bewachsenen Waldstück am Stadtrand von Köln befand sich zwischen 1942 und 1945 ein Lager für erkrankte Zwangsarbeiter:innen aus Osteuropa.

Das Gremberger Wäldchen

Bereits seit dem späten 19. Jahrhundert diente das Gremberger Wäldchen als beliebtes Ausflugs- und Naherholungsgebiet am Kölner Stadtrand. Nach dem Erwerb des Geländes kümmerte sich die Stadt Köln um das verwilderte Waldstück, ließ es erschließen und baute das Wegenetz aus. Später wurde im „Gremwäldchen", wie es damals im Volksmund hieß, ein Forsthaus errichtet, das mit seiner Gartengaststätte häufig besucht wurde. Ab 1928 fuhr die Buslinie 5 das Waldstück an und brachte Wochenendausflügler und Spaziergänger:innen in den Wald. Noch heute besitzt das Gremberger Wäldchen den ältesten Baumbestand Kölns.

Die Errichtung des Lagers

Am Rande des Waldes, unmittelbar an der Autobahn gelegen, wurde 1942 ein Krankenlager für Zwangsarbeiter:innen aus Osteuropa und der Sowjetunion errichtet. Schon zuvor war das Gelände während des Autobahnbaus genutzt und die Fläche dafür vom Baumbestand gerodet worden. Nach Fertigstellung der Autobahn 1941 konnte bei der Errichtung des Krankenlagers auf diese Vorarbeiten und womöglich auch auf Baracken des Reichsarbeitsdienstes (RAD) zurückgegriffen werden. Durch die Nähe zum Bahnhof Gremberg lag der Ort auch verkehrgünstig.

Das Lager im Gremberger Wäldchen entstand im Kontext der massiven Ausweitung des NS-Zwangsarbeitssystems. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 war die Nachfrage nach Zwangsarbeiter:innen noch einmal deutlich gestiegen. Aufgrund von Versorgungsproblemen in Krankenhäusern und zur Absonderung von „Ostarbeitern“ wurde angeordnet, dass schwer erkrankte ausländische Arbeitskräfte nicht mehr behandelt, sondern in „Krankensammellagern“ zu isolieren seien. Zwangsarbeiter:innen, die nicht mehr arbeitsfähig waren sollten hier gesammelt werden, um sie in ihre Heimat zurückzutransportieren. Der Verlauf des Krieges, die Belegung der Bahninfrastruktur für kriegsbedingte Transporte sowie die weiterhin hohe Nachfrage nach Arbeitskräften brachten diese Rücktransporte jedoch bald an ein Ende. Die Kranken wurden nun sich selbst überlassen, ohne Aussicht auf Genesung oder Rücktransport.
Siehe auch Kapitel Krankheit & Zwangsarbeit

Verwaltet wurde das Lager vom Landesarbeitsamt Rheinland, das generell für die Zuweisung und den Einsatz von ausländischen Zwangsarbeiter:innen im Rheinland verantwortlich war. Betrieben wurde das Lager von der Deutschen Arbeitsfront (DAF), die auch das Wachpersonal bezahlte. Die Anlage des Krankenlagers war bewusst einfach gehalten: Sie sollte Kranke aufnehmen, bis über Rückführung oder Weiterverwendung entschieden wurde. Das Lager war ein Ort der bewussten Vernachlässigung und ein funktionaler Bestandteil eines Systems, das Menschen nach ihrer Arbeitsfähigkeit sortierte.

Luftaufnahmen alliierter Aufklärungsflugzeuge sind die einzigen existierenden Bilder des Lagers. Direkt an das Lagergelände im Süden angrenzend, die Autobahn A4. Der Eingang zum Lager befand sich auf der östlichen Seite, am Gremberger Ring.
NS-Dokumentationszerntum der Stadt Köln

Luftbilder, die die Alliierten ab 1942 erstellten, zeigen eine etwa ein Hektar große Anlage mit mehreren parallel stehenden Baracken, umgeben von freigeräumten Flächen und einem umzäunten Zugangsbereich. Laut Aussagen von verschiedenen Überlebenden war das Lager in einen vorderen und einen hinteren Teil geteilt. Im vorderen Bereich, am Gremberger Ring gelegen, befanden sich die Verwaltungsgebäude, eine Küchenbaracke, Unterkünfte für nicht ansteckende Kranke sowie eine Entbindungsstation. Der hintere Teil des Lagergeländes war umzäunt. Hier wurden die Infektiösen und Todgeweihten separiert und weggesperrt. Gepflegt wurde hier niemand. Aus Angst vor Ansteckungen betrat weder das Wachpersonal noch das medizinische Personal diesen Teil des Lagers.

Das Lagerpersonal

Die deutsche Lagerpersonal bestand aus wenigen, überwiegend älteren Männern aus der näheren Umgebung, die nicht zur Wehrmacht eingezogen waren. Einen festen Wachposten gab es lediglich am Eingang des Lagers am Gremberger Ring. Für mögliche Fluchtversuche waren die meisten Inhaftierten ohnehin zu schwach. Zudem drohten flüchtigen Zwangsarbeiter:innen harte Strafen.

Lagerleiter war Wilhelm Salmon (*1892). Der selbstständige Kohlenhändler aus Bonn war einige Jahre arbeitslos, bevor er nach kurzer Tätigkeit beim Arbeitsamt Bonn 1942, im Namen des Landesarbeitsamt Rheinland, in Köln die Leitung über das Lager im Gremberger Wäldchen übernahm. Im Lager bezeugte er über 100 Todesfälle und blieb bis Anfang März 1945 vor Ort, bevor er anschließend untertauchte.

Trotz seiner Tätigkeit als Lagerführer und seiner NSDAP-Mitgliedschaft wurde Wilhelm Salmon von der Entnazifizierungsbehörde lediglich als Mitläufer eingestuft. Für seine Beteiligung an den Verbrechen im Gremberger Wäldchen musste er keine Konsequenzen tragen.
Entnazifizierungsakte von Wilhelm Salmon, Landesarchiv NRW

Neben Wilhelm Salmon leitete auch Josef Beiert (*1888) das Lager. Aufgrund seiner Invalidität wurde er nicht zur Wehrmacht eingezogen, sondern war für die wirtschaftliche Versorgung des Lagers zuständig.

Als Lagerarzt zuständig war Ludwig Decker (*1889) aus Köln-Poll. Er arbeitete als leitender Arzt für das Landesarbeitsamt Rheinland. Wie oft er tatsächlich vor Ort war, lässt sich nicht eindeutig klären, allerdings beschrieb er später seine Tätigkeit als „Beaufsichtigung der ärztlichen Tätigkeit im Krankenlager Gremberger Wäldchen". Sein Wohnort befand sich fußläufig in direkter Nachbarschaft, wo er an selber Adresse nach 1945 seine Arztpraxis weiterführte. Der Arzt galt als überzeugter Militarist. Er war nicht nur seit 1933 NSDAP-Mitglied, sondern auch stellvertretender Kameradschaftsführer des NS-Reichskriegerbunds. Nichtsdestotrotz wurde er später in die Gruppe der Entlasteten eingestuft. Geholfen hatten ihm dabei seine Bekannheit als Arzt sowie ein Strafverfahren wegen Devisenschmuggels, das er als Widerstand verkaufte. Nach 1945 war er lange Jahre Vorsitzender des Bürgervereins Köln Poll e.V. und damit gut integriert und rehabilitiert in der Stadtgesellschaft.

Die Pflege lag größtenteils in den Händen von Zwangsarbeiter:innen und Kriegsgefangenen selbst, oftmals Frauen die früher als Sanitäterinnen gearbeitet hatten. So erinnert sich Lidija Kiwwa, die im Winter 1942/1943 mehrere Woche im Lager interniert war, an Ljussia Mersljakowa, eine Sanitäterin der Roten Armee, die im Lager als Krankenschwester arbeiten musste. Über ihr Schicksal ist heute nichts weiteres bekannt.

Sterben im Lager

Das Krankenlager im Gremberger Wäldchen war von Beginn an ein Ort der Absonderung und Segregierung, an dem Krankheiten nicht behandelt wurden. Die Sterblichkeit war entsprechend hoch. Die genauen Belegungszahlen lassen sich für die Jahre 1942 bis 1945 nicht vollständig rekonstruieren, doch aus Verwaltungsunterlagen, Sterberegistern und Erinnerungsberichten wird ersichtlich, dass mehrere hundert Menschen gleichzeitig im Lager untergebracht waren. In den Wintermonaten 1943/44 dürfte die Belegungsstärke zeitweise 350 bis 500 Personen erreicht haben, was weit über den Grenzen einer angemessenen Belegung lag. Die Baracken waren überfüllt, schlecht isoliert und kaum beheizbar.

[Meine Mutter erzählte], dass man sie dort sehr schlecht behandelte. Das Essen war schrecklich, man gab noch weniger zu essen als im Krankenhaus. Viele starben vor Hunger und vor Kälte. Ihre Leichen wurden weggebracht.
Tamara Stafitschuk berichtet über den Aufenthalt ihrer Mutter im Krankenlager

Die Bedingungen im Lager verschlimmerten jede Erkrankung. Die Ernährung war unzureichend, die hygienischen Bedingungen katastrophal, die Baracken feucht und kalt. Ein Arzt besuchte das Lager nur unregelmäßig; viele Kranke wurden ausschließlich von anderen Zwangsarbeiter:innen versorgt, oft ohne Hilfsmittel. Medizinische Behandlung, Pflege oder rehabilitative Maßnahmen fanden kaum statt.

Einweisungskarte von Stephan Konsewitz. Konsewitz war 1942 aus der Ukraine nach Deutschland verschleppt worden und musste bei Krupp als Monteur Zwangsarbeit verrichten. Wenige Tage nach seiner Einweisung ins Krankenlager starb er an Tuberkulose.
Historisches Archiv der Stadt Köln, Acc. 606, A 14.

Die Todeszahlen zeigen deutlich, dass es sich nicht um ein medizinisches Lager, sondern um ein Sterbelager handelte. Etwa 400 Todesfälle lassen sich konkret nachweisen; die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen, da nicht jeder Sterbefall erfasst wurde und manche Personen anonym beerdigt wurden. Viele starben bereits wenige Tage nach ihrer Einlieferung. Besonders auffällig ist, dass die meisten der im Sterberegister genannten Todesursachen Krankheiten nennen, die unter anderen Bedingungen behandelbar oder zumindest überlebbar gewesen wären, insbesondere Tuberkulose, aber auch Lungenentzündung, Ruhr, Typhus oder Fleckfieber.

Und das Lager war so bis zum Wald, es war mit doppeltem Drahtzaun umgeben - eine Reihe und dann noch eine. (…) Das Essen wurde ihnen durch den Drahtzaun gereicht, sie nahmen es selbst und aßen da. Sie starben und man stapelte sie auf einen Haufen. Und die Ratten benagten sie, es blieben nur die Knochen übrig.
Lidija Kiwwa, im Interview mit Ursula Reuter und Georg Wehner, 14. September 2001.

Auch der Umgang mit den Toten zeigt die Funktion des Lagers. Die Kölner Friedhofsverwaltung beklagte im Mai 1944, sie könne die ungewöhnlich hohe Zahl der Toten aus dem Gremberger Wäldchen kaum noch bewältigen. In einem Schreiben an den Lagerarzt Ludwig Decker bat sie deshalb darum, die Leichen künftig verbrennen zu dürfen, anstatt sie zu beerdigen. Um den Prozess zu beschleunigen, erklärte sich der Lagerarzt bereit, Todesfälle im Lager nicht mehr einzeln zu betrachten, sondern verfasste ein Standardformular, das jedem Todesfall im Lager eine natürliche Ursache bescheinigte.

Für eine Vielzahl der Toten existieren heute nur noch rudimentäre Dokumente. Lediglich in den Unterlagen des Standesamts und der Friedhofsverwaltung Köln finden sich vereinzelt Sterbeurkunden. Es sind oftmals die einzige Nachweise über Inhaftierte und Opfer des Lagers.

Der Tod war ein zentrales Element der Funktionslogik des Lagers. Das nationalsozialistische System ordnete kranke Zwangsarbeiter:innen nicht als Patient:innen ein, sondern als Arbeitskräfte, die nutzlos geworden waren und deren Versorgung sich nicht weiter lohnte. Das Lager, das ursprünglich als Sammellager eingerichtet worden war, um erkrankte Zwangsarbeiter:innen zurück in die Heimat zu schicken, entwickelte sich zu einem Ort, an dem Kranke ihrem Schicksal selbst überlassen wurden, bis sie unbemerkt und abgeschieden im Wald starben.

"Durch eine Heilbehandlung kann in absehbarer Zeit eine nennenswerte Arbeitsfähigkeit und Verminderung der Infektionsgefahr für die Umgebung nicht erreicht werden."
Ein Rücktransport fand nie statt. Maria Badjuk starb an 12. Juli 1943 - sechs Wochen nach ihrer Einweisung ins Krankenlager.
Historisches Archiv der Stadt Köln, Acc. 606, A 14.

Die Entbindungsstation

Schwangere Zwangsarbeiterinnen erhielten keinen besonderen Schutz im nationalsozialistischen Deutschland, sondern ihre Lebenslage verschärfte sich massiv. Bis Mitte Dezember 1942 wurden schwangere Zwangsarbeiterinnen meist noch in ihre Heimatregionen zurückgeschickt. Im arbeitsmarktpolitisch organisierten Zwangsarbeitssystem galt Schwangerschaft nicht als medizinisch schützenswerter Zustand, sondern als Störung im Arbeitsablauf. Die Gesundheit von Mutter und Kind hatte in diesem System keinen eigenständigen Wert. Besonders betroffen waren „Ostarbeiterinnen“, die aufgrund der rassistischen Hierarchie ohnehin schon geringere Rationen, schlechtere Unterkünfte und nahezu keinen Zugang zu deutscher medizinischer Versorgung erhielten. Der Zugang zu regulären Krankenhäusern wurde ihnen systematisch verwehrt. Stattdessen mussten sie in Lagerbaracken, improvisierten Lazaretten oder speziell eingerichteten Geburtsbaracken ihre Kinder zur Welt bringen.

Vor diesem Hintergrund wurde im Krankenlager Gremberger Wäldchen eine eigene Entbindungsstation eingerichtet. Sie diente dazu, schwangere Ostarbeiterinnen aus Köln und dem Rheinland aufzunehmen, die durch neue Regelungen aus deutschen Kliniken ausgeschlossen worden waren. Eine bereits bestehende Baracke im vorderen Teil des Lagers wurde provisorisch umgestaltet. Ausreichende Heizmöglichkeiten, fließendes Wasser oder sterile Ausstattung gab es dort nicht.

Für die Zeit zwischen 1943 und 1945 sind 77 Geburten im Lager dokumentiert. Nachweislich starben mindestens 18 Kinder kurz nach ihrer Geburt, oft innerhalb weniger Tage. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die tatsächliche Zahl der im Lager nach ihrer Geburt verstorbenen Kinder höher ist, da nicht alle Sterbefälle dokumentiert wurden.

[Meine Mutter] bekam Wehen, noch bevor der Bombenangriff losging. Man brachte sie in ein Zelt und legte sie auf einen Tisch. Dann kam ein junger Arzt. Er war Deutscher, denn er verstand weder Russisch noch sprach er es. Die Krankenschwester war Russin. Sie verstand gut, was meine Mutter sagte. Während der Operation fing der Bombenangriff an. Die Lichter erloschen überall. Unter diesen Umständen bekam sie kaum Hilfe. Sie hatte schreckliche Risse. Als ich zur Welt kam, wickelte man mich in irgendwelche Tücher, übergab mich meiner Mutter, und wir wurden beide zurück in die Baracke geschickt. Und das alles nach einer schweren Geburt, ohne jegliche Hilfe.
Tamara Stafitschuk über ihre Geburt im Krankenlager am 14. Juni 1944
PODCAST
Das Krankenlager im Wald

Das Krankenlager im Wald – Vergessene NS-Verbrechen in Köln

Zwischen Bäumen und Stacheldraht
Folge 1

Zwischen Bäumen und Stacheldraht

Im Wald steht ein Stein. Er erinnert an 74 ermordete Menschen. Ein Zeitungsartikel am Baum …

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Stimmen der Inhaftierten
Folge 2

Stimmen der Inhaftierten

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Cologne Case IV

Kurz vor Kriegsende erlässt Alfons Schaller den Befehl das Lager zu räumen. Volkssturmmänner …

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