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Gewalt gegen Zwangsarbeiter:innen in Köln

Krankheit & Zwangsarbeit

„Nicht einsatzfähig“ und „abgesondert“

Aufsatz des Lagerarzts Ludwig Decker in der Zeitschrift „Arbeitseinsatz und Arbeitslosenhilfe“
Landesarchiv NRW, NW 1023, Nr. 2169
Aufsatz des Lagerarzts Ludwig Decker in der Zeitschrift „Arbeitseinsatz und Arbeitslosenhilfe“
Landesarchiv NRW, NW 1023, Nr. 2169

Zwangsarbeit im NS-Staat

Das System der Zwangsarbeit war ein zentrales Element der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wuchs der Bedarf an Arbeitskräften in Deutschland sprunghaft an: Millionen Männer waren an der Front und fehlten nun der Industrie und in der Landwirtschaft.

Ab 1940 begann das Reich deshalb zunehmend ausländische Arbeitskräfte aus besetzten Ländern zu deportieren und zwangvoll nach Deutschland zu verschleppen. Zwischen 1940 und 1945 arbeiteten über 13 Millionen „zivile“ ausländische Arbeitskräfte und Kriegsgefangene im Deutschen Reich. Das waren knapp ein Viertel aller Beschäfigten in Deutschland. Zwangsarbeit war also allgegenwärtig und überall sichtbar.

Zwangsarbeit bedeutete totale Kontrolle über Körper, Zeit und Lebensumstände. Und sie war eingebettet in ein System rassistischer Hierarchien, an deren unteren Ende sog. „Ostarbeiter“ aus der Sowjetunion und Polen standen. Im Gegensatz zu Zwangsarbeiter:innen aus Westeuropa unterlagen sie nochmal härteren Restriktionen.

Auch die Ernährung unterschied sich je nach Herkunft. „Westarbeiter“ erhielten Brot und Fleischrationen in Anlehnung an deutsche Normen; „Ostarbeiter“ dagegen bekamen meist kalorienarme Zwangsarbeiterkost, oft mit unter 1 500 kcal pro Tag. Anweisungen des Arbeitsamtes gaben genaue Vorschriften über die Verpflegung. Die Versorgung war so reglementiert, dass sie auf den konkreten Arbeitseinsatz zugeschnitten war. Essen war streng rationiert und Krankheit war so eine kalkulierte Folge der Unterversorgung.

Das System der Zwangsarbeit beruhte auf der ökonomischen Ausbeutung bis zur völligen Erschöpfung der Menschen. Der Tod wurde hierbei billigend in Kauf genommen. Wenn Arbeitskräfte erkrankten oder arbeitsunfähig wurden, verloren sie im NS-System ihren ökonomischen Wert.

Krankheit im System der Zwangsarbeit

Krankheit bedeutete für Zwangsarbeiter:innen meist den Beginn eines sozialen Abstiegs, der für sie zur tödlichen Gefahr werden konnte. Waren sie schon als Gesunde massiver Ausbeutung ausgesetzt, drohte im Krankheitsfall eine lebensbedrohliche Verschärfung ihrer Situation.

Medizinische und hygienische Bedingungen

In den Arbeitslagern herrschten Mangelernährung, Überbelegung, Kälte und schlechte Hygiene. Krankheiten wie Tuberkulose, Typhus, Ruhr oder Lungenentzündungen breiteten sich rasch aus. Manche hatten sich schon bei ihrem Transport in den überfüllten Güterwaggons angesteckt. Medizinische Versorgung war fast immer unzureichend: Medikamente, Verbandsmaterial und qualifiziertes Personal fehlten. Deutsche Ärzte behandelten häufig nur, wenn eine baldige Wiederherstellung der Arbeitskraft zu erwarten war. Für chronisch Kranke, Schwangere oder Schwache gab es keine nachhaltige Fürsorge. Oft wurden sie von der Lagerleitung als „arbeitsunfähig“ gemeldet und "abgesondert".

Arbeitsunfähige Zwangsarbeiter:innen wurden zunächst in Krankenbaracken innerhalb der jeweiligen Lager untergebracht. Eine ärztliche Betreuung oder ausreichende Verpflegung bekamen sie hier selten. Krankenhäuser stellten meist nur eine Diagnose und behandelten die "Ostarbeiter" nicht weiter. Bei fortschreitender Schwäche wurden sie abgeschoben, also aus den Betrieben entfernt. Der perfiden Logik der Nationalsozialisten folgend, konnte eine Erkrankung den Entzug lebensnotweniger Versorgungsleistungen bedeuten. Die medizinische Versorgung war untrennbar mit der ökonomischen Logik der völligen Ausbeutung durch Zwangsarbeit verbunden.

Einrichtung von Krankensammellagern

In manchen, bevölkerungsreichen Regionen richteten die Arbeitsämter ab 1942/43 eigene Krankensammellager ein. Dies waren zentrale Orte zur Unterbringung „nichteinsatzfähiger Ostarbeiter“. Die Erkrankten, deren Wiederherstellung ihrer Arbeitskraft nicht sofort wieder herstellbar war, sollten in diesen Lagern gesammelt und auf ihren Rücktransport in die Heimatregionen warten. Doch mit fortschreitendem Krieg, Transportengpässen und der militärischen Lage fanden diese schon bald nicht mehr statt.

Die medizinischen Bedingungen in diesen Lagern waren katastrophal. Heilung und Pflege standen nicht im Vordergrund. Medizin diente hier nicht dem Schutz, sondern der Verwaltung von Arbeitskraft. So entwickelten sich diese Orte zu Sterbelagern. Die Einweisung ins Krankensammellager bedeutete faktisch ein Todesurteil. Die Lager dienten dazu, Arbeitskraftverluste unsichtbar zu machen, fernab von der Öffentlichkeit, am Rand von Städten oder Wäldern gelegen. Solche Lager zeigten die extremste Ausprägung des Systems Zwangsarbeit: Es waren völlig unterversorgte Orte, an denen Menschen starben, weil sie für die Kriegswirtschaft keinen Nutzen mehr hatten.

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